Unlichte Wirklichtkeiten

Ausstellung bis 10. November 2017

›Alle Versuche und Ziele der Fotografie wurden bisher auf ein falsches Gleis geschoben‹, schrieb Moholy-Nagy, Professor am Bauhaus Dessau und leidenschaftlicher Fotograf im Jahre 1927. Denn alle Fotos sind entweder ›Notierverfahren der Realität‹ – oder ›Kunst‹.
Man sollte sich daran erinnern, dass das Wort Fotografie ›Lichtmalen‹ heißt, und seit etwa 1830, der Erfindung des Daguerres-Verfahrens, zu den technischen Künsten gehört. Der Massenmarkt dieser ›Lichtbilder‹ mit ‹Bildern für Jedermann‹ begann sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu entwickeln, mit Boxkameras und Rollfilmen, auf Wunsch auch in Farbe. Schon vor dem II. Weltkrieg wurden Kleinbildkameras erschwinglich, ab 1991 wurden die ersten digitalen Profikameras gebaut. Danach begann die Digitalfotografie zu boomen und jeder kann heute theoretisch ›gute Bilder‹ machen.

 

Nach herkömmlichem Verständnis sind ›gute Bilder‹ ein Abbild der Wirklichkeit – oder dessen, was wir dafür halten. Aber ›Wirklichkeit‹ ist ein vieldeutiger Begriff. Interessanterweise lehrt uns die Philosophie schon seit Jahrtausenden, dass es keine gültige und endgültige Beschreibung von ‘Wirklichkeit’ gibt.
›Gute Bilder‹ sind deshalb in der Fotokunst von heute keine Abbilder der Wirklichkeit mehr. Es sind Fotos wie die Arbeiten, die derzeit in der Prince House Gallery ausgestellt werden: ›Unlichte Wirklichkeiten‹ von Ralph Brueck, Gerhard Winkler, Thomas Petri, Giovanni Castell, Hannes Neumann und Peter Mathis. Sie präsentieren sich experimentierfreudig und künstlerisch innovativ.

Diesen Arbeiten geht es weder um den Realitätsgehalt noch um den dokumentarischen Blick. Sie sind keine angewandte Fotografie, sondern bewegen sich auf einer Grenze zwischen Realität und Abstraktion, zwischen Gegenstand und malerischer Geste. Sie zeigen uns komprimierte Wirklichkeit, autonom und losgelöst, aber dennoch mit unverwechselbarer Handschrift. Ihre visuelle Sprache führt mittels der Fotografie die Idee der gemalten Illusion fort. Licht, Form, Atmosphäre und optische Illusionen sind Hauptbestandteile des Vokabulars dieser Positionen. Damit spielen sie und faszinieren den Betrachter. In der Auseinandersetzung mit diesen Bildern ist mehr Wirklichkeit enthalten als in den Dingen selbst. Und zwischen Erkennen und Assoziieren findet Imagination statt, im Auge und im Gehirn.

 

Die fotografische Bildkultur dieser Positionen macht Schluss mit emotionslosen monolithischen Werken und trägt neue Botschaften zum Betrachter. Allen Kassandrarufen derjenigen zum Trotz, die das Ende der Fotografie heraufbeschwören wollen: Sie ist nicht am Ende, sie beginnt erst. Befreit die Pixel!

 

Elke Werry (Kunsthistorikerin und Filmemacherin)

#Ralf Brueck

Lebt in Düsseldorf. 2003 Diplom. 2002 Meisterstudent bei Thomas Ruff. 2000 Studien in der Klasse von Thomas Ruff. 1995 Studien in der Klasse von Bernd Becher. 1966 Geboren in Düsseldorf.

Ralf Brueck, Chain of Command, 134x150cm, 2015

Chain of Command, 2015

#Gerhard Winkler

Lebt in Köln. 1992-93 DAAD-Stipendium für Lissabon. 1989-90 Stipendium »Post-Diplôme« an der Ecole des Beaux-Arts, Marseille. 1983-88 Studium an der Städelschule Frankfurt/Main bei Thomas Bayrle, Gerhard Wittner, Volker Tannert, Bruce McLean, Michael Croissant und Herbert Schwöbel. Geboren 1962 in Bürstadt/Hessen.

Gerhard Winkler, Nachtstück Ile de Frioul, 2000, 42 x 58 cm

Nachtstück Ile de Frioul, 2000

#Giovanni Castell

Lebt in Hamburg. 1987 Studium in München, Philosophie. 1984-1986 Studium in Mailand, Rom und Paris, Modedesign. 1962 Geboren in München.

Giovanni Castell, Pilz, 2017, 52x 42 cm

 Pilz, 2017

#Peter Mathis

Lebt in Hohenems (Österreich). Seit 1986 Arbeit als Fotograf mit Schwerpunkt Sport- und Landschaftsfotografie. Er ist für internationale Firmen tätig und seine Bilder erscheinen regelmäßig in der Fachpresse und Werbung. 1961 geboren in Hohenems (Österreich).

Peter Mathis, Gorner Gletscher, Schweiz, 2009

Gorner Gletscher, Schweiz, 2009

#Hannes Neumann

Lebt in Mannheim. 2017 Student Master of Arts Kommunikationsdesign, 2015 Bachelor Of Arts Kommunikationsdesign, 2010 Ausbildung Fotogdesigner. Geboren in Heidelberg.

Hannes Neumann, Stellar 02, 2016

STELLAR 02, 2016

#Thomas Petri

Lebt in Heidelberg. Seit 2000 Composed Photographs. 1983-92 Studioleiter Studio Gerhard Vormwald, Paris. 1982 Assistenz Studio Gerhard Vormwald, Mannheim. 1975-82 Studium in Marburg. 1955 geboren in Trier.

Thomas Petri,  Seascape 35

Seascape #35

UNLICHTE WIRKLICHKEITEN

Am Rande der Fotografie und wie von einer anderen Welt: Im Zentrum der Ausstellung stehen fotografische Positionen, die sich an den Rändern dieses Mediums bewegen. Was passiert, wenn eine Fotografie nachträglich mit der Hand koloriert wird? Welche Welten eröffnen sich durch subjektiv und technisch gesteuerte Eingriffe und was bleibt übrig, wenn der gesamte Entwurf kein Abbild mehr wiedergibt, sondern eine rein digitale Schöpfung darstellt? Gezeigt werden sechs fotografische Positionen, die in der Nachfolge etwa von Bernd und Hilla Becher, Thomas Ruff und Gerhard Vormwald stehen.

Liste der Werke

Fordern Sie gerne weitere Informationen zu diesen und weiteren Werken bei uns an: gallery@princehouse.de